Energieversorgung : Gas-Streik im Norden lässt Deutschland zittern

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Eins schien sicher in der Energiekrise, die der russische Angriff auf die Ukraine heraufbeschworen hat: Auf Norwegen ist Verlass. Das Königreich im Norden, Europas größter Exporteur von Öl und Erdgas, pumpt durch Rohrleitungen auf dem Meeresboden zuverlässig große Mengen Erdgas und ist dazu bereit, seine Lieferungen künftig sogar noch zu vergrößern.

Sven Astheimer

Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

Sebastian Balzter

Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Seit diesem Dienstag steht dahinter plötzlich ein Fragezeichen. Ein Streik legt mehrere Produktionsplattformen in der Nordsee lahm – wenige Tage bevor in der Ostsee die turnusmäßigen Wartungsarbeiten an der Gasleitung Nord Stream 1 beginnen, die der russische Präsident Wladimir Putin nach Ansicht mancher Beobachter zu einer politisch motivierten Unterbrechung der Lieferungen aus dem Osten nutzen könnte.

Zu dem Streik hat die Gewerkschaft der Facharbeiter in der norwegischen Offshore-Industrie aufgerufen. Begonnen hat er in der Nacht zum Dienstag auf drei Nordsee-Bohrinseln, die vom mehrheitlich staatseigenen Konzern Equinor (früher Statoil) betrieben werden. Dort wird vor allem Erdöl und kaum Erdgas gefördert. In der Nacht zum Donnerstag sollen drei weitere Equinor-Plattformen dazukommen. Eine von ihnen fördert täglich 40 Millionen Standardkubikmeter Erdgas, die in die Rohrleitungen Richtung Süden mit bis zu einem Meter Durchmesser eingespeist werden und bei Emden beziehungsweise Dornum die niedersächsische Küste erreichen. Das entspricht knapp einem Drittel der Erdgasmenge, die Norwegen zuletzt im Durchschnitt jeden Tag nach Deutschland exportiert hat. Falls der Arbeitskampf auch in der kommenden Woche noch nicht beigelegt ist, droht die Gewerkschaft, außer zusätzlichen Förderplattformen weite Teile des Leitungsnetzwerks in der Nordsee außer Funktion zu setzen, die das Staatsunternehmen Gassco betreibt.

Worauf Deutschland keinen Einfluss hat

Ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden für Norwegen wäre die Folge, von der geopolitischen Sorge um die Gasversorgung in Europa ganz zu schweigen. Dabei vertritt die Gewerkschaft nur einen kleinen Teil der Beschäftigten der norwegischen Öl- und Gasbranche; es sind gerade einmal 1200 Fach- und Vorarbeiter. Ohne sie läuft in der Rohstoffförderung jedoch wenig. Die Begründung für den seit Jahrzehnten größten Streik in der Branche? „Wir werden systematisch gegenüber den anderen Beschäftigten benachteiligt, unsere Reallöhne sinken seit Jahren“, sagt Audun Ingvartsen, der Chef der Spartengewerkschaft, im Gespräch mit der F.A.Z.

Die viel mehr Mitglieder zählende Gewerkschaft der Industriearbeiter hat sich im Frühjahr mit den Arbeitgebern wie Equinor und dem amerikanischen Wettbewerber Conoco Phillips auf einen Lohnanstieg von 3,7 Prozent geeinigt. Die Facharbeiter hätten diesem Rahmenvertrag nach Ansicht der Unternehmen mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung folgen sollen. Doch dagegen hat sich in einer Urabstimmung die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder ausgesprochen. „Das machen wir nicht mit“, sagt Gewerkschafter Ingvartsen. „Inzwischen liegt die Inflationsrate in Norwegen bei 5,7 Prozent. Und die Konzerne verdienen kräftig an den gestiegenen Rohstoffpreisen.“

Schon mit einem Aufschlag von einem halben Prozentpunkt, sagt Ingvartsen, würde sich der Konflikt vermutlich beilegen lassen. Eine Petitesse im Vergleich zu den Summen, die andernfalls auf dem Spiel stehen. Dass der Konflikt bis zum Äußersten eskaliert, ist indes schon wegen einer Besonderheit im norwegischen Arbeitsrecht gering. Dort gibt es, anders als in Deutschland, das Instrument der staatlichen Zwangsschlichtung. Wenn die Regierung dazu greift, müsste die Gewerkschaft ihren Streik rasch beenden.

„Unabhängig von dem russischen Erpresser“

Die Lage verdeutlicht gleichwohl, wie sehr die Energieversorgung Deutschlands von Faktoren abhängt, auf die das Land selbst keinen Einfluss nehmen kann. Das gilt im konkreten Fall mindestens genauso für Großbritannien, Belgien und Frankreich. Diese Länder importieren zwar insgesamt weniger Gas aus Norwegen als Deutschland. Der Teil der Erdgas-Infrastruktur, der bei einem andauernden Arbeitskampf in der kommenden Woche ausfallen könnte, betrifft jedoch vornehmlich jene Leitungen, die von den Bohrplattformen in der Nordsee zu diesen drei Ländern führen.

Die zwischen 440 und 660 Kilometer langen Leitungen nach Deutschland namens Norpipe, Europipe und Euro­pipe 2 sind samt den dazugehörigen Pumpen und Kompressoren davon weitgehend unabhängig. „Deutschland könnte deshalb selbst im schlimmsten Fall noch die volle Liefermenge bekommen“, sagte Alfred Skår Hansen, der für das Leitungsnetz zuständige Gassco-Ingenieur, der F.A.Z.

Die Leitung Europipe 2 spielt auch für ein weiteres Großprojekt eine entscheidende Rolle: Anfang Oktober soll die „Baltic Pipe“ in Betrieb gehen. Durch diese fast 300 Kilometer lange Unterwasserleitung sollen dann Dänemark und vor allem Polen mit norwegischem Gas versorgt werden. Gespeist wird sie durch eine Abzweigung von Europipe 2, weshalb auf deutscher Seite schon die Frage aufgeworfen wurde, ob Deutschland deshalb weniger Gas erhalten werde. Wenn die Baltic-Leitung ihre volle Kapazität erreicht hat, soll sie 10 Milliarden Kubikmeter im Jahr transportieren können.

Um auf Nummer sicher zu gehen, hat sich die staatlich dominierte Gasfördergesellschaft PGNiG die Förderrechte in der Norwegischen See gesichert. Den Großteil der umgerechnet 2 Milliarden Euro Baukosten für die Baltic Pipe teilen sich Dänemark und Polen. Beide Länder gehören zu jener Gruppe in der EU, die nach eigener Aussage künftig ohne russisches Gas über die Runden kommt. Polen wird den Liefervertrag mit dem russischen Gazprom-Konzern zum Jahresende auslaufen lassen. Premierminister Mateusz Morawiecki sagte während eines Baustellenbesuchs im Frühjahr gegenüber Radio Poland, die neue Pipeline „macht uns heute unabhängig von dem russischen Erpresser, der den westeuropäischen Ländern die Pistole an den Kopf hält“.

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