"Für die Opfer ist dies keineswegs eine gute Nachricht"

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Schwund hat sich beschleunigt

Hinzu kommt, dass sich der Schwund beschleunigt hat: Bis 2015 verloren Volkskirchen jährlich 0,6 bis 0,8 Prozentpunkte am Bevölkerungsanteil, seit 2016 1 bis 1,4 Prozentpunkte. Dabei handelt es sich nicht nur um Austritte; angesichts überalterter Strukturen verlieren die Kirchen auch schlicht viele Mitglieder durch den Tod. Zugleich gibt es immer weniger Nachwuchs, weil sich immer mehr jüngere Menschen von der Kirche abwenden, austreten und ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

“Das ist für die Opfer keineswegs eine gute Nachricht”

Vor allem die Missbrauchsvorfälle und ihre schleppende Aufarbeitung vergraulen die Mitglieder. Trotzdem sind nicht alle Missbrauchsopfer froh darüber, dass der Kirche die Mitglieder davonlaufen. Matthias Katsch wurde als Schüler am Berliner Canisius-Kolleg, einem privaten katholischen Gymnasium, von zwei Jesuiten sexuell misshandelt. Er ist Mitgründer und Sprecher der Opferinitiative “Eckiger Tisch”, kämpft seit Jahren dafür, dass die Betroffenen eine angemessene Entschädigung erhalten. “Es klingt paradox, aber die Nachricht, dass im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben, ist für Menschen, die in dieser Kirche Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch geworden sind, keineswegs eine gute Nachricht”, sagte er zu t-online.

Natürlich zeige sich in den Austritten der Protest der Menschen gegen den Umgang der Amtskirche mit ihren Opfern: “Aber für die Betroffenen ist vor allem wichtig, dass die Kirchenmitglieder sich dafür einsetzen, endlich notwendige Hilfen und tatsächliche Entschädigungen voranzubringen und die unrühmliche Praxis der ‘Anerkennungsleistungen’ zu beenden.”

Es brauche aber “Druck auf die Kirchenführung, dass sich etwas in den Strukturen ändert”, ist Katsch überzeugt. Nicht nur aus Gesellschaft und Politik, sondern vor allem auch von innen: “Die Betroffenen brauchen die Solidarität der Kirchenmitglieder, wenn sich in absehbarer Zeit etwas für sie positiv ändern soll.”

Kirche muss wieder Vertrauen gewinnen

Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), dem wichtigsten Gremium der katholischen Laien, sieht mehrere Ursachen für die Austritte. “Viele Menschen nennen ihren Ärger über den Missbrauchsskandal und die schleppende Aufarbeitung als Auslöser für ihren Austritt”, sagte Stetter-Karp zu t-online: “Aber da ist noch mehr.”

So sei in Westeuropa die Individualisierung des Glaubens weit vorangeschritten. “Die Deutungsmacht der Kirchen über das Religiöse ist keine Selbstverständlichkeit mehr, anders als das über viele Jahrzehnte, ja über Jahrhunderte der Fall war”, sagt Stetter-Karp: “Religiös zu leben, hat heute ganz viel mit Vertrauen zu tun, umso mehr, als Institutionen ihre Macht verlieren und nicht mehr automatisch respektiert werden.”

Die Kirche sei nun gefordert, Vertrauen zu wecken. Dies gelinge durch “Menschen, die vertrauenswürdig sind”, die auf andere zugingen und “nicht über kleiner werdende Zahlen jammern”, so Stetter-Karp.

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